Arbeit am Sitzenden Knaben 1982

Über
Rudolf Alexander
AGRICOLA

Rudolf Alexander Agricola wurde am 3. April 1912 als zweites Kind eines deutschen Elternpaares in Moskau geboren, wohin in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts der Grossvater ausgewandert war. Bei Ausbruch des ersten Weltkrieges musste die Familie wieder nach Deutschland zurückkehren, wo sie in Kassel eine neue Existenz fand. Dort besuchte Agricola das humanistische Gymnasium und begann in den letzten Schuljahren bereits mi den ersten künstlerischen Versuchen. 1932 kam er zur Ausbildung zu Gerhard Marcks nach Halle / Giebichenstein, und schon 1933 zu Richard Scheibe nach Frankfurt/Main, dem er 1937 an die alte preussische Akademie nach Berlin folgte. 1934 unternahm er von Frankfurt aus eine Studienreise nach Griechenland, die für seine Arbeit von mitentscheidender Bedeutung wurde. Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges, an dem er als Soldat teilnahm, konnte er im Taunus nahe Frankfurt eine erste Bleibe finden.

Berlin Frühjahr 1938

Lebensdaten

  • 3. April 1912 in Moskau
  • Kindheit in Kassel bis 1931 Friedrich-Gymnasium in Kassel
  • 1932 Burg Giebichenstein, Halle, bei Gerhard Marcks
  • 1933 Städelsche Kunstakademie, Frankfurt/Main, bei Richard Scheibe
  • 1934 Reise nach Griechenland mit dem Archäologen Walter Herwig Schuchhardt
  • 1937 Akademie der Bildenden Künste, Berlin, bei Richard Scheibe
  • Kriegsteilnahme
  • 1945 Falkenstein/Ts.
  • 1947-1990 lebt und arbeitet in Kronberg/Ts.
  • gestorben am 21. Juni 1990 in Königstein/Ts.
vorne links die Mutter • rechts im Vordergrund die ältere Schwester • 1913 in der Nähe von Moskau

Der Künstler
schreibt selbst

Mein bisheriges Leben verlief ohne äußere Sensationen – den Krieg ausgenommen, der mich als Soldat bis vor die Tore Moskaus, meiner Geburtsstadt, brachte.

Hier wurde ich im April 1912 geboren, als zweites Kind eines reichsdeutschen Elternpaares, das sich aber seiner Herkunft nach aus zwei sehr heterogenen Hälften zusammensetzte: Mein Großvater väterlicherseits stammte aus dem Thüringischen. Er gehörte einer der Linien der alten Humanistenfamilie Agricola an, die sich in vielen Verzweigungen in alle Welt verstreut hat und eine stattliche Zahl illustrer Vertreter dieses Namens ausweist.

Zeitungsartikel über Agricola und seine Arbeit an der Zwingli Figur

Mein bisheriges Leben verlief ohne äußere Sensationen – den Krieg ausgenommen, der mich als Soldat bis vor die Tore Moskaus, meiner Geburtsstadt, brachte.

Hier wurde ich im April 1912 geboren, als zweites Kind eines reichsdeutschen Elternpaares, das sich aber seiner Herkunft nach aus zwei sehr heterogenen Hälften zusammensetzte: Mein Großvater väterlicherseits stammte aus dem Thüringischen. Er gehörte einer der Linien der alten Humanistenfamilie Agricola an, die sich in vielen Verzweigungen in alle Welt verstreut hat und eine stattliche Zahl illustrer Vertreter dieses Namens ausweist.

Im großen Brockhaus findet man sie alle hübsch beieinander. Als ich den Auftrag einer Kasseler Gemeinde für ein Figurenpaar Luther-Zwingli erhielt, stieß ich in der Literatur auf jenen Humanisten Agricola, der mit Buzer und Zwingli im Jahre 1529 die „Marburger Religionsgespräche“ geführt hat, wie wir das noch auf der Schule gelernt haben.

Dieser Großvater wanderte als junger Mensch in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts nach Moskau aus, um hier sein Glück zu machen. Er ehelichte eine Baltin und hatte mit ihr vier Kinder. Von den beiden Söhnen wurde einer mein Vater, der als junger Ingenieur in einem russischen Unternehmen der Stadt sich in die Tochter des Chefs unsterblich verliebte und sie auch nach gebührender Wartezeit heiraten durfte.

Deren Vorfahren kreuzten sich wieder in zwei Linien aus zwei verschiedenen Ländern: Aus Frankreich, von eingewanderten Hugenotten, und aus dem fernen Sibirien, von Tartaren, aus dem sich vornehmlich das Offizierscorps des Zaren rekrutierte. Meine älteste Tochter hat als Zeichen dieser fernen Herkunft an den Augen die unverkennbare Andeutung der mongolischen Lidfalte.

Bei Kriegsausbruch 1914 kam mein Vater als Reichsdeutscher hinter den Ural, südlich von Tobolsk am Ob-Irtisch, einem der riesigen Ströme des Landes, auf ein Dorf, wo er gleich vielen anderen Auslandsdeutschen über die Dauer des Krieges interniert wurde. Dort hatte er es gut – sprach er doch besser russisch als deutsch – ich besitze noch heute von ihm Aquarelle und kleine vergilbte Photographien, die die dortige Landschaft und ihre Menschen spiegeln – entzückende Erzählungen vom Leben und der Eigenart der sibirischen Bauern, von Schlittenfahrten, Wolfsjagden und Festen, die mein Leben von Kindheit an bis zu seinem Tode begleiteten.

Mit Mutter und Schwester • um 1918 in Kassel

Dagegen wurde meine Mutter – paradoxerweise als Russin, jetzt aber als neugebackene Deutsche – mit ihren beiden Würmern, meiner Schwester und mir – über die Grenze abgeschoben. Elf Tage und Nächte mussten wir des Frontverlaufes wegen über Rumänien und UngarnÖsterreich fahren – ich erinnere mich noch dunkel der unentwegten Bahnreise, die Nasenspitze fest an die Waggonscheibe gepresst – von der man mich in Leibzig, endlich am Ziel, mit Gewalt fortreissen musste, weil meinem Wehgeschrei zufolge dieses unbeschreibliche Vergnügen „schon“ zu Ende sein sollte!

Wir wurden bei deutschen Verwandten untergebracht. Es begannen schlimme Hungerzeiten. Meine arme Mutter hat diese Trennung in eine ihr fremde Welt nie überwunden und blieb für den Rest ihres Lebens kränklich. Gegen Kriegsende bekamen wir trotz aller Ungewißheit unseren Vater gesund wieder. In Kassel trat er eine neue Aufgabe an. So begann dort für uns ein neues Leben in einer neuen Heimat. Hier verlebte ich bewußt meine eigentliche Kindheit, und hier entpuppte sich in den letzten Gymnasiumsjahren meine Anlage, unbewußt Gesehenes in plastische Formen zu verwandeln. Auf der Schulbank zog ich es vor zu träumen. Die Freizeit verbrachte ich wochenlang auf dem umliegenden Lande in hessischen Pfarrhäusern – dominierten doch in meiner Klasse gleich sieben Pfarrsöhne, die begabtesten und frechsten zugleich – wo ich ein unbeschwertes Taugenichtsleben führte, aber auch vieles mitbekam, was es zu Hause nicht gab. In Obersekunda fiel das 150-jährige Jubiläum meines alten Friedrichsgymnasiums. Ein Neuzugang unter den üblichen Paukern bescherte uns eines Tages eine Gestalt, die wir bis dato nicht erlebt hatten:

Einen leidenschaftlichen Humanisten, Sohn einer alten jüdischen Berliner Arzt – und Kaufmannsfamilie, „Zuntz`seelige Witwe“ als Markenzeichen, als Student Schüler von Werner Jaeger und Kommolitone von Schadewald, der es plötzlich verstand, unsere ganze Aufmerksamkeit zu fesseln, und im Nu unsere Herzen eroberte.

Er studierte mit uns für dieses Jubiläum gleich zwei griechische Tragödien des Äschylos ein, die wir nicht nur vor erstaunter Schüler -, Kollegen- und Elternschaft im alten Staatstheater der Stadt auf griechisch aufführten, sondern sogar zu Luise Dumont ans Düsseldorfer Haus und ans Frankfurter Theater gerufen wurden. Dafür mussten aber – denn es sollte ja fachgerecht griechisch zugehen – Masken geformt und Kothurne hergestellt werden, alles im Werkunterricht während der Schulzeit. Dabei fiel der Preis für eine Eteokles – Maske mir zu – nach einer Abbildung in einem Fachschinken gemacht – die dann in Holz geschnitzt und von innen, wegen des leichteren Tragens auf den Schultern, ausgehöhlt werden sollte.

Günther Zuntz, 1902 - 1992, Altphilologe, bis 1935 Gymnasiallehrer für Deutsch, dann Emigration nach England, ab 1947 Lehrer für hellenistisches Griechisch in Manchester
Zum 150 järigen Jubiläum des Kasseler Friedrich Gymnasiums wurden zwei Tragödien des Äschylos auf Altgriechisch einstudiert, dazu mussten - denn es sollte ja fachgerecht griechisch zugehen - Masken geformt und Kothurne hergestellt werden. Wobei die bildhauerische Begabung des jungen Agricola erstmals zutage trat. • Zuntz war Initiator und Regisseur dieser Aufführungen

Mein verehrter Humanist aber hatte schon vorgesorgt und einen tüchtigen Bildhauer in der Stadt ausfindig gemacht. So kam ich bereits auf der Schulbank in eine zünftige Handwerkslehre. Die beiden letzten Schuljahre habe ich mehr dort und in der Steinmetzfiliale der Firma Holzmann gearbeitet, wo ich gleich das Holz – und Steinschlagen lernte und damit prompt durch das Abitur fiel. Auch mein Vater fiel – aus allen Wolken. Hatte er doch durch die beiden vorhergehenden erfolgreichen Theater – Aufführungen mit Recht in mir einen strammen Absolventen geglaubt. Welche  Enttäuschung! Aber da half nun nichts mehr, ich hatte Blut geleckt und dachte nicht mehr daran, ein weiteres Jahr die Schulbank zu drücken.

Inzwischen hatte Zuntz über seinen Onkel, den damals schon berühmten Maler Lyonel Feininger, bei Gerhard Marcks anfragen lassen, ob er mich als Schüler nehmen wollte. Als eine Zusage kam, eilte ich im Frühjahr 1932, hochgespannt, per Fahrrad gen Halle- Giebichenstein, wo an den dortigen Kunstwerkstätten unter Tierschs vorbildlicher Leitung Marcks sein Atelier hatte. Mein Entzücken und – meine Enttäuschung waren gleich groß! Ich wurde mit der größten Liberalität aufgenommen, auch zu Hause bei der Familie auf Gut Gimritz am ländlichen Stadtrand nahe des Saaleufers.

Halle /Saale • Sommer 1932 • In einem Privatgarten • Agricola war dort für etwa ein Jahr als Schüler des Bildhauers Gerhard Marcks

Die dort verbrachten Stunden leuchten mir noch heute in freundlich- heller Erinnerung. Die souveräne wie heitere Strahlkraft des Marckschen Ingeniums tat vollends ihr übriges, so daß ich in meiner damaligen totalen Ahnungslosigkeit über das eigentliche Künstlergeschäft dieser jäh auf mich einstürmenden neuen Welt hilflos gegenüberstand. Denn Marcks `Arbeiten muteten mich fremd an. Die frühen, mehr expressionistischen aus seiner Bauhauszeit stießen mich ab, und den gerade vollzogenen Durchbruch zu sich selbst, wie er sich mir in einem lebensgroßen Jüngling mit gekreuzten Armen über dem Kopf mitten in seinem Atelier präsentierte, begriff ich damals noch nicht. Marcks sah sofort, wo der Hase im Pfeffer lag, und schickte mich gütig lächelnd zum Zeichnen in den naheliegenden Zoo, der, rundherum um den kleinen Reilsberg angelegt, der entzückendste ist den ich kenne.

Dort habe ich die erste wirkliche Leidenszeit meines Lebens durchgemacht, schier verzweifelnd vor der völlig ausweglos erscheinenden Aufgabe, ein lebendes Tier auf ein Stück Papier zu bannen. Der ich noch nie zuvor einen nackten Menschen gezeichnet hatte, im festen Glauben, in der Kunst dürfe man nicht von der Natur “ abgucken „, sondern nur „aus dem Inneren schöpfen“! Konnte ich damals ahnen, daß gerade diese Verkehrung noch zu meinen Lebzeiten zur herrschenden Doktrin erhoben werden sollte?

Wie sagte doch Marcks damals zu mir: “ Sehen Sie, um etwas Neues zu machen, braucht die Natur immer zwei Elemente. Kein neues Hühnchen ohne Hahn, der Zoo ihr Hahn, lassen Sie sich befruchten! “ Betrachte ich mir jetzt die Blätter aus dieser ersten Schülerzeit, so werde ich mit Freuden gewahr, auf welch`guten Weg mich da  Marcks gewiesen hatte. Ich habe zwar spät erst begonnen, Tiere zu machen, aber daß ich überhaupt dazu fand, verdanke ich auch und nicht zuletzt dieser ersten Hinführung. Was Rechtes habe ich in diesem knappen Jahr bei Marcks nicht zuwege gebracht, dazu mußte ich erst ganz von unten beginnen. Als ich – was ja nicht ausbleiben konnte – anfing, ihn zu kopieren, riet er mir, zu Scheibe zu gehen, da ich noch zu jung sei und der Mitschüler bedürfe. Wie jubelte ich innerlich auf, nicht zum “ Brötchenbacken “ fortgeschickt zu sein, denn Marcks hatte mir bei meinem  Antritt unmißverständlich gesagt: “ Sie werden verstehen, wenn ich Ihnen nach einer bestimmten Zeit rate, lieber Brötchen zu backen!“

So schied ich, nicht wissend, was alles ich mitnahm, das viel später mir erst aufgehen sollte.

R.A. Agricola • Richard Scheibe • Bronze • 35cm • 1957

Ich schmierte also wieder mein Rad und rollte gen Frankfurt zu Richard Scheibe.Ging von Marcks etwas Strahlend – Sieghaftes aus, so von Scheibe eine ganz andere Art von Souveränität : Bei allem Ernst und großer Gefaßtheit dominierte scheue Zurückhaltung und Wortkargheit, getragen aber von einer Wärme, die sofort jedes Unterlegenheitsgefühl wieder aufhob. Väterlich barg er mich unter seine Fittiche. Trotzdem ging es erstmal schief. Denn, ungewohnt in einer großen Klasse mit anderen an einem gemeinsamen Modell zu arbeiten, gab es bald Karambolagen. Die anderen Schüler, im Bilde, woher der Neue kam, nahmen mich sofort aufs Korn. Um so mehr, als ich ihnen nur zu bald den günstigsten Anlass bot : Von Marcks, in seiner Aversion gegen allzu perfekte akademische Handwerksregeln, hatte ich abgeguckt, das für eine neue Figur gebaute Eisengerüst mit alten leeren Konservendosen mittels verschieden langer Drähte vollzuhängen, angeblich um eines größeren Hohlraumes und damit geringeren Gewichtes willen. Während ich unter muxmäuschenstiller, aber um so schärferer Beobachtung toternst meine Büchsen montierte, ging die Türe auf, und Meister Hartwig, der unvergleichliche Werklehrer altbajuvarischer Provenienz, betrat die Szene.

Die alten dunkelöligen Fußbodendielen knarrten unter seinem Schritte und wankten leicht, meine Büchsen begannen zu tanzen und zu scheppern, ich hatte innegehalten, den Blick erwartungsvoll auf den Fachmann gerichtet. Dieser aber an mir vorbei geradewegs auf mein Gerüst zu, mit kurzem Blick gemustert schnalzte vernehmlich mit der Zunge und, indem er mit gezielt flacher Hand meine Büchsen zu Boden feuerte, sagte nur trocken: “ Total verkehrt ! „

Mittag im Atelier Städelschule mit Meister Hartwig, Vanoli und Schulfreund Lupus ( der spätere Anwalt Lothar Wolf aus Kassel )

Da lösten sich hinter mir die Kehlen, und schallendes Gelächter brach über mir zusammen. Mit hochrotem Kopf, dem Heulen nahe, wurschtelte ich verbissen weiter, beschloss aber, das Feld zu räumen und nach Giebichenstein zurückzukehren. Nur Scheibes besorgt-rührendem Eingehen auf meine Schmerzen verdanke ich, geblieben zu sein. Wie zu meinem Glück erschien zudem ein weiterer neuer Schüler auf der Bildfläche, so daß wir, in einem anderen Atelierraum untergebracht, uns bald aufs Beste arrangierten. Nur ein wenig älter, verfügte er aber schon über eine gewisse Reife und ein eigenes Urteil. Er stammte aus Sachsen, nicht von ungefähr, kam aus Dresden von Albiker und hatte bereits seine erste Taufe empfangen – vorbestimmt und belastet als Erbe und Enkel seines berühmten Bildhauergroßvaters Ernst Rietschel, dem Lieblingsschüler Rauchs.

Was ich bei Scheibe im Atelier sah, fesselte mich vom ersten Blick an. Gleichsam meine eigenen Vorstellungen schienen da Gestalt angenommen zu haben. Ich sehe mich noch wie gebannt vor einer überlebensgroßen Steinfigur eines Erzengels, an dem noch gearbeitet wurde, in dessen Gesicht Scheibes eigene Züge eine faszinierende Monumentalität erfahren hatten. Ich halte dieses Werk heute für eine gültige Aussage darüber, was ein Künstler im zwanzigsten Jahrhundert zu leisten vermag, der im Bewußtsein seiner legitimen Herkunft von den Griechen und vor den Gegebenheiten der modernen Welt der Technokratie mit dem heute so krampfhaft strapazierten Menschenbilde in unserer Zeit in der Tat Ernst gemacht hat! 

Atelier Städelschule Frankfurt • 1933/34 • Arbeit an der Knabenfigur, die später vom Jugendfreund Fritz Hohmann erworben und aufgestellt wurde
Wilhelm Rietschel • gefallen 1941• Scheibe Schüler • Nachkomme des klassizistischen Bildhauers Ernst Rietschel • Freund und Atelier Kollege R.A. Agricolas

Scheibe gab uns jede Gelegenheit, unsere bescheidene Haushaltskasse aufzubessern, indem wir ihm Gipsabgüsse und die anstrengenden Vorarbeiten für größere Figuren abnehmen durften. Dabei erwuchs mir in Rietschel ein zweiter Lehrer, der auch in den kleinsten handwerklichen Detailfragen von unerbittlicher Strenge, auch gegen sich selbst, nicht die geringste Flüchtigkeit duldete. Ich neigte zu einer gewissen Großzügigkeit, um schneller ans Ziel zu kommen, musste aber bald einsehen, daß ohne Gewissenhaftigkeit schon im Handwerk auch der künstlerische Erfolg in Frage stand.

Wie danke ich ihm das heute noch! Scheibe suchte uns auch sonst zu fördern, wo er nur konnte: Alle erreichbaren Kunststätten besuchten wir gemeinsam, oft Konzerte und Aufführungen, an die sich die ergiebigsten Gespräche anschlossen. Auch lud er uns in Abständen regelmässig des Abends in sein Atelier, wo an langen schmalen Holztischen auf alten Zinntellern, von eigener Hand zubereitet, die schmackhaftesten Gerichte für unsere immer hungrigen Mägen bereitstanden. Wir sahen ihn dann schon am Nachmittag, das obligate Stadtköfferchen unter dem Arm, von der Sachsenhäuser Freßgasse kommend, als eingefleischter Junggeselle selbst alles Erforderliche herbeischleppend.

Bildnis Karl Reinhardt • Gips • 37cm • 1962 • Der Bronzeabguss steht in der Goethe Universität Frankfurt • https://www.uni-frankfurt.de/39022393/karl-reinhardt-bueste
Statuette Karl Reinhardt • Bronze • 25cm • 1958

Vor Mitternacht ging man nie auseinander. Den Gewinn dieses gewissermaßen verlängerten “ Unterrichts “ vom Vormittag wurde man erst viel später gewahr. Dieser Unterricht sah so aus: Mehrmals die Woche besuchte er uns bei der Arbeit. Die Türe ging fast lautlos auf. Behutsam, jeden Gruß abweisend, trat er schweigend neben einen, den Blick prüfend auf unser Gebilde gerichtet. So blieb man stumm einige Minuten verharrend, bis er, mit knappen Worten, dem treffendsten Ausdruck die Korrektur gab. Trotz manch gepfefferten Vergleichs verletzte er nie, weil er entwaffnend den Sachverhalt erhellte und Persönliches nicht einmal streifte. Nie drängte er seine Meinung auf, welche Vorstellung schon seiner Natur wesensfremd war. Denn bei aller Bestimmtheit seines Urteils wollte er nicht Unterwerfung, sondern Einsicht, aus der allein das Handeln fließen musste. An Gefolgschaft war er gänzlich uninteressiert. Er schalt auch nie, selbst den Säumigsten und  Uninteressiertesten nicht. Wer nicht wollte, wurde sich selbst überlassen. Doch das geringste Anzeichen einer Initiative nahm er sofort wahr, öffnete sich bereitwilligst und stellte gleichsam sein ganzes Wissen und Können zur Verfügung, wie selbstverständlich, als ob es sich ohne sein Zutun wie von selbst ergab. Ein vollendeter Pädagoge, der die angeborene Gabe besaß, jeden anderen als inter pares zu behandeln. So ließ er uns immer gewähren, stand aber augenblicklich zur Verfügung, waren wir mit unserem Latein am Ende. Wir durften jederzeit an seine Türe klopfen – und taten es!

Aber selbst diese weise, weil so humane Haltung, unterwarf er noch seiner eigenen Kritik. Später gestand er mir einmal: “ Ach, meine Schüler sind wie Kanarienvögel, die immer an der selben Stelle ihr Futter finden. Sie kommen, wenn sie mich brauchen, und denken nicht daran, daß das nicht in alle Ewigkeit so weiter gehen kann !„

Überhaupt stellte die Frage, wie später seinen Schutzbefohlenen “ der Sprung in die Selbstständigkeit “ gelingen sollte, eine seiner Hauptsorgen dar. Sein Erstaunen, wenn es dann doch wider Erwarten gelungen war, äußerte sich folgendermaßen:

“Wenn ich mir vorzustellen versuchte, was aus meinen Schülern werden sollte, wenn sie nicht mehr in dem Genuß eines freien Ateliers stehen, wurde mir himmelangst und bange, aber auf einmal haben sie dann Frau und Kind und Haus und Garten, einen Hund und ein Auto. Wie sie das gemacht haben, bleibt mir völlig unbegreiflich !„

Damals rauchte er noch wie am laufenden Band, machte aber selbst recht bekümmert darüber seine sarkastischen Bemerkungen. Als er dann auch meinen Schädel zu konterfeien begann, feuerte er eines Tages während der Sitzung, in der einen Hand den Tonbrocken, in der anderen den Glimmstengel, plötzlich wütend beides zu Boden, das verdammte Rauchen verfluchend, weil er sich statt der Zigarette den Tonklumpen in den Mund gesteckt hatte. Bei aller Scheu beobachtete er scharf und konnte treffsicher in Geste und Mimik die Schwächen seiner Umwelt charakterisieren. Aber er blieb zeitlebens auf eine gewisse Distanz angewiesen und hilflos jedem penetrantem Angehen ausgeliefert.

So konnte er sich einer allzu aufdringlichen Verehrerin nur durch eine plötzliche Flucht in eine riesigen Materialschrank entziehen.

Max Komrell • 1902 - 1944 • Literaturwissenschaftler und Schriftsteller • 1941 - 44 Prof. in Marburg • R.A. Agricola lernte Komrell im Freundeskreis um Karl Reinhardt kennen
Hans Georg Gadamer, 1900 -  2002, deutscher Philosoph • lehrte lange an der Universität Heidelberg • Bekannt geworden durch seine „philosophische Hermeneutk“ • Langjähriger Freund und Mentor R.A. Agricolas • Er hielt auch die Grabrede für den viel jüngeren Freund

Aber auch von anderer Seite empfing ich Anregung und vielseitige Förderung. Ich nenne nur die Namen: Hans-Georg Gadamer, Max Kommerell, Karl Reinhardt, Ernst Kantorowicz, Kurt Rietzler, Georg Swarzensky und viele andere, die an den Universitäten von Freiburg, Heidelberg über Frankfurt und Marburg bis Berlin lehrten und das geistige Leben mitbestimmten.

Ihnen allen, aber vor allen Reinhardt und Gadamer, verdanke ich eine Weitung meines Horizontes, eine Bereicherung meines Bewußtseins, die gleich jener durch Scheibe mit Worten gar nicht wiederzugeben ist.

Im Sommer 1934 nahm mich der Archäologe Walter Schuchhardt nach Griechenland mit, wo ich zwei Monate blieb, ihm auf der Akropolis bei seinen Arbeiten half, im Athener Institut lebte und von da Reisen durchs ganze Land machte. Beinahe jeder Tag dieser frühen Reise steht mir noch heute leibhaft mit seinen neuartigen Eindrücken vor Augen wie die Konturen des kleinen Niketempels auf der Akropolis gegen den hellen Himmel, in dessen Schatten ich so oft über die Stadt unter mir aufs Meer hinausblickend gesessen hatte.

Walter Herwig Schuchardt war Professor für klassische Archäologie in Freiburg • Er nahm Agricola 1934 auf eine mehrmonatige Griechenlandreise mit • Die Eindrücke dieser Reise waren von wesentlicher Bedeutung für seine spätere künstlerische Entwicklung • hier Walter Schuchardt und Familie
Hauslehrer für für Die Brüder Horand und Hagen von Heyder • Frankfurt • ca.1934

Als Scheibe im Jahre 1936 an die alte preußische Akademie in Berlin berufen Rietschel und mich dorthin mitnahm, lernte ich noch durch Riezler das Haus Liebermann kennen, draußen in Wannsee, wo ich, ehe die braune Pest alles zu ersticken begann, so manches unvergeßliche Wochenende verbrachte, in freiester Gastlichkeit von der alten Frau Liebermann aufgenommen. Dort begegnete ich sogar Karl Scheffler, nicht ahnend damals,  wer er war, daß diese erste Begegnung der Keim zu einer sehr viel späteren und für mich bestimmenden nach dem Kriege werden sollte, über die ein mir teurer Briefwechsel Zeugnis gibt.

Der Krieg hat dieser geliebten Welt ein schnelles Ende bereitet. Als ich seinem Rachen endlich mit heiler Haut entwich, sah sie freilich sehr anders aus. So zärtlich mich das Schicksal bisher verwöhnt hatte, so rauh stieß es mich jetzt wie zum gerechten Ausgleich in eine neue, in der sich zu behaupten andere Maßstäbe gesetzt waren. Nach den ersten harten Hungerjahren konnte ich in einer alten Garage in Kronberg, mitten in der “ grünen Sauce „, mit meiner geliebten Arbeit neu beginnen. Ich fing genau da wieder an, wo ich in Berlin aufhören mußte, und hatte nur eines im Sinn : 

Meinen einmal eingeschlagenen Weg unbeirrt fortzusetzen. So einfach war das nicht. Wieweit es mir gelungen ist, mögen andere beurteilen. Zu gedenken und zu danken habe ich in dieser für mich schweren Zeit den Freunden und Menschen, die unangefochten von den sich immer hektischer jagenden neuen Richtungen und Ismen sich ein eigenes Urteil bewahrten und mir ermöglichten, meine Arbeit fortzuführen.

Karl Scheffler • 1869 - 1951 • deutscher Kunstkritiker und Publizist • führte lange Briefwechsel mit R.A. Agricola
Atelier in Kronberg • Flora Gipsmodell im Vordergrund
Erste Ehe • Sylt • 1953 • von links Marleen, erste Ehefrau Lisel, Rudolf Alexander und im Vordergrund Iris Agricola
Zweite Ehe • Kronberg • 1978 • Rudolf Alexander und zweite Ehefrau Gertrud mit den Kindern Reneè und Alexander Agricola